Aktion 1999: Lichtecht!

lichtecht!99 - eine experimentelle Lichtwerkstatt der Gruppe “x.kurs [aktion für neue landschaften e.V.]”

Das Medium Kunstlicht, von Watt bis Lux, von weiß bis bunt, von glimmend bis gleißend bildete das diesjährige Experimentierfeld der Gruppe x.kurs.

Kunstlicht erfüllt in unserer Lebensumwelt die verschiedensten Aufgaben. Wohnlicht, Werbelicht, Arbeitslicht oder Ordnungslicht bilden eine funktionale Lichtflut, die allnächtlich auf den Menschen einwirkt. Was vor allem in den innerstädtischen Zentren als Illumination von konsumorientierten Objekten begann, etabliert sich zunehmend als artifizieller Rahmen für nächtliche Kulturereignisse. Lichtkünstler und -designer runden das Bild vieler Großveranstaltungen mit aufwendigen Kunst-Licht-Marken ab, die in Ihrer beabsichtigten Wirkung durchaus Analogien zu historischen Feuerwerken der Barokzeit aufweisen. Dabei verebbt die Faszination der Inszenierungen schnell, da sie überwiegend als farbenfrohe Objektbeleuchtung eingesetzt werden: Dem Überfluß an Bestrahlung folgt ein Überdruß an undifferenzierter Lichtkunst.

In der Landschaftarchitektur erfolgt der Einsatz von Licht in der Regel als letzter Schritt und dient gemäß DIN 5044 als normative Ausleuchtung von Verkehrswegen und Objekten. Es wird hauptsächlich als Instrument zur nächtlichen Sicherheit und Orientierung im Freiraum verstanden. Allzu selten wird dabei Kunstlicht bewußt als Gestaltungselement eingesetzt: Der planerische Aufwand beschränkt sich in der Regel auf die Auswahl geeigneter Lichtmöbel.

x.kurs als eine Gruppe junger Gestalter verfolgt mit der Aktion lichtecht!99 das Ziel Vokabular und Grammatik der aktuellen Tendenzen zu erforschen, neue künstlerische Ausdrucksformen zu ergründen und eine progressive Sprache zur Gestaltung zukünftiger Lebensumwelten mit dem schon viel strapazierten Medium Licht zu erproben.

Bei der Auseinandersetzung mit den unterschiedlichsten Wirkungsweisen von Kunstlicht stellen sich viele - nicht nur technische - Fragen:

Ist es möglich das Spannungsfeld zwischen Licht und Dunkelheit neu zu erfahren und gestalterisch umzusetzen?

Wie kann es gelingen, bestehende Stereotypen zu überwinden und mit Hilfe von Kunstlicht gezielt ungewöhnliche Spannungen und Atmosphären zu erzeugen?

Wie können gestalterische Potentiale des Lichts wie Lichtfarbe, Intensität, Streuung und Richtung in die Planung mit einbezogen werden?

Im Rahmen der Aktion lichtecht!99 erforschten 35 Teilnehmer und Teilnehmerinnen mittels nächtlicher Vor-Ort-Installationen im Frankfurter Grüngürtel die künstlerischen Ausdrucksformen von Kunstlicht im Freiraum. Ihnen stand dazu umfangreiches Equipment wie Fluter, Blinder, Parabolspiegelspots, PAR-Scheinwerfer, Farbwechsler mit insgesamt 60.000 Watt zur Verfügung. Im peripheren städtischen Raum des Frankfurter Grüngürtels wurden damit an drei gegensätzlichen Orten experimentelle Lichtinstallationen entwickelt, aufgebaut und dokumentiert. Die Auswahl dieser Orte implizierte einen wechselnden Fokus in der thematischen Auseinandersetzung: Im Obsthain des “Heiligenstocks” wurden vorhandene Elemente mit weißem Licht zu einem Lichtbild inszeniert; das Rollfeld des ehemaligen “Rose Airports” diente als 2-dimensionale Leinwand für ein farbiges Lichtzeichen; in der Halle unter der “Autobahnbrücke” der A66 wurden 3-dimensionale, begehbare Lichträume geschaffen. Die Komplexität der Aufgabenstellung sowie der Einsatz an Lichttechnik steigerte sich dabei im Verlauf der Aktion proportional zum zunehmenden Schlafdefizit der Teilnehmer.

Die erste Annäherung an das Thema und die Lichttechnik fand auf dem "Heiligenstock" - einem romantischen Obsthain neben den Ruinen einer ehemaligen Flakstellung - im Nordosten des Grüngürtels statt. Die thematische Reduzierung auf die Lenkung der visuellen Aufmerksamkeit auf vorhandene und signifikante Elemente verhalf, die Wirkungsweisen von weißem Licht präzise zu erkunden. Dabei wurde deutlich, daß schnell im Kopf entstehende Bilder von scharfen, durchdringenden Lichtstrahlen und flächigen Lichtteppichen bei der Realisierung auf zwei wesentliche Probleme stoßen: Der Eingrenzung des Lichtkegels sowie der Regulierung und Ausgrenzung von Streulicht. Darüber hinaus beeinflußt die Lichtfarbe des Leuchtmediums ebenso wie die Textur der reflektierenden Objekte das Farbspektrum des wahrgenommenen "weißen" Lichtes.

Wie kann farbiges Licht als eigenständiges Gestaltungsmaterial wirken, wenn der Genius locii im Gegensatz zur ersten Installation keine markanten 3-dimensionalen Reflexionsobjekte und -räume bietet? Diese Fragestellung stand bei der Erarbeitung eines farbigen Lichtzeichens auf dem stillgelegten Rollfeld des "Rose Airport" im Norden des Grüngürtels im Vordergrund.

Der Einsatz von farbigem Licht in der Lichtgestaltung lehnt sich an Erfahrungen aus der Bühnentechnik an. Durch das Arbeiten mit direktem und indirektem Licht, mit dem Einsatz von Unter-, Seiten- oder gar Gegenlicht wurden mehrere Lichtzeichen geschaffen. Die Wahrnehmung dieser Lichtzeichen erfolgte im Gegensatz zu Bühneninszenierungen jedoch aus unterschiedlichen Betrachtungswinkeln. Es besteht keine exakte Trennung zwischen Aktions- und Zuschauerraum, wodurch z.B. ein den Raum vertiefendes Vorderlicht bei einem Richtungswechsel des Betrachters zu einer aggressiven Gegenlichtquelle wird. Der Einsatz von Unterlicht oder Seitenlicht hat sich dabei als sinnvoll herausgestellt; durch die ungewohnten Richtungen der Lichtquellen des Lichtzeichens, insbesondere in Kombination mit farbigem Licht entstehen spannungsvolle und kontrastreiche Atmosphären.

Die geplanten Lichtinszenierungen konnten dabei meist nur über eine langsame Annäherung realisiert werden; nicht selten unterschied sich das Endergebnis des Aufbaus deutlich von der ursprünglichen Idee. Besondere Schwierigkeiten bereitete die Definition klar wahrnehmbarer Licht-Raum-Kanten: Vorstellungen von betretbaren und in sich geschlossenen Lichträumen ließen sich ohne vorhandene räumliche Reflektionsflächen rudimentär realisieren. Die Erzeugung von räumlichen Eindrücken auf der Oberfläche der Landebahn war dagegen durch den Einsatz von farbigem Licht eindrucksvoll zu verwirklichen.

Unter der staubtrockenen "Autobahnbrücke" der A66 durch den Frankfurter Grüngürtel wurde in einer stürmischen Regennacht ein 3-dimensionaler Lichtraum geschaffen. Die Brückensituation bildete einen markanten Raum ohne maßstabsgebende Elemente. Die Definiton von begehbaren Lichträumen unter der Brücke ist daher auf ein differenziertes Herausarbeiten von maßstabsgebenden Licht- und Schattenräumen angewiesen.

Im Gegensatz zu architektonischen Räumen verfügen Lichtinstallationen jedoch über keine klare Raumgrenzen, so daß die von den Lichtquellen ausgehende Streuung ohne reflektierende Objekte diffus bleibt und ein Ausufern der Lichträume nicht zu verhindern ist. Die Klarheit und Farbigkeit der Licht- und Schattenflächen wird durch die Wahl der Lichtquelle sowie durch die Distanz und Farbigkeit der Reflektionsfläche bestimmt - aufgrund der vorhandenenen Dimensionen eine schwierige Aufgabe. Dennoch gelang es in einigen Installationen Effekte wie farbige Schatten, räumliche Farbverläufe sowie lichttechnisch definierte Räume zu erzeugen.

Der Einsatz der Lichttechnik im nächtlichen 1:1-Maßstab ließ alle Teilnehmer die Sensibilität der Wirkungen von Licht spüren. Ganz offensichtlich sind die Wirkungen des Mediums Kunstlicht im Freiraum schwer planbar und erzielt in der Realisation oft unerwartete, jedoch interessante Effekte. Die Umsetzung landschaftsarchitektonischer Lichtinszenierungen erscheint daher nur im pozeßhaften Abgleich zwischen Idee und Realisierung sinnvoll.

Der hinter allen Versuchsaufbauten stehende Gedanke, der Formulierung eines “Nachtcharakters” des Orts, der sich deutlich vom “Tagcharakter” unterscheidet, erwies sich als tragfähig. Lichtinstallationen können auch im Freiraum mehr sein als das bloße Betonen der vorhandenen pflanzlichen und architektonischen Elemente. Losgelöst von den vorhandenen Objekten und neben den bekannten Gestaltungslayern kann ein neuer, eigenständiger Layer eingeführt werden, der die Formulierung weiterer ortsspezifischer Bedeutungsebenen ermöglicht. Genau in dieser Fähigkeit liegt das eigentliche Potential von Kunstlicht und nicht in der eingangs erwähnten Analogie zum Feuerwerk des baroken Gartens.

Autoren: Matthias Funk + Carola Dittrich | Fotos: Britta Carlson, Matthias Funk, Hiltrud Maria Lintel, Axel Reiß u.a.

Abbildungen & Text © 1998-2006 x.kurs e.V.